Eine Publikation der Binkert Medien AG
Logistiklösungen
Sie hat sich als feste Grösse in der Logistik etabliert – eine Studie des Fraunhofer IML bestätigt den wachsenden Einfluss der Wolke: 09.05.2014

Cloud-Computing ist nicht mehr wegzudenken

Ohne Wolke kein Regen, ohne Regen kein Wachstum: Die Leistungsfähigkeit der Logistik wird in Zukunft immer stärker von der Flexibilität, der Individualität und der Stabilität unterstützender Informationstechnologie abhängen. Neue Konzepte und innovative Ideen sind zwingend erforderlich, um den Anforderungen von morgen gerecht werden zu können.

Dipl-Inform. Oliver Wolf, Abteilungsleiter Software Engineering, Dipl.-Oec. Maren-Bianca Wolf, Marketingleiterin, Jonas Rahn vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, IML.

Besonders im Hinblick auf die Volatilität des Logistiksektors, dessen kontinuierliches Wachstum stets neue Ansprüche an Organisation, Technik und Software stellt, ist nachhaltiges Umdenken erforderlich: Statische Systeme müssen flexiblen Lösungen weichen, die innerhalb kürzester Zeit auf Schwankungen reagieren und bereitstehende Ressourcen bedarfsgerecht umverteilen können – deswegen ist die Cloud für die Logistik wie geschaffen und schon längst nicht mehr wegzudenken.

Virtueller Marktplatz
Um die Vorteile der Cloud für die Logistik nutzbar zu machen, haben die Fraunhofer-Institute für Materialfluss und Logistik, IML, und für Software- und Systemtechnik, ISST, im Rahmen des Fraunhofer-Innovation-Clusters «Cloud-Computing für Logistik» gemeinsam einen virtuellen Marktplatz für logistische IT-Anwendungen, Dienste und Prozesse entwickelt: die Logistics Mall. 
In dieser werden Softwareapplikationen nicht mehr als überdimensionierte Komplettlösungen angeboten, sondern modularisiert bereitgestellt. Einzelne Softwaremodule können auf der Online-Plattform zu grösseren Prozessketten kombiniert, per Mausklick gemietet und direkt in der Cloud ausgeführt werden. So können Unternehmen die benötigte IT-Unterstützung präzise auf ihre Prozesse abstimmen und innerhalb kürzester Zeit einsetzen. Die flexible Kapazitätennutzung in der Cloud, die Beschränkung auf die tatsächlich relevanten Tools und die Abrechnung nach Nutzung erlauben grosse Einsparpotenziale auf Anwenderseite. So erhalten auch kleine und mittelständische Unternehmen Zugriff auf bislang unerschwingliche Premiumprodukte. Softwareanbieter profitieren von einem wachsenden Kundenkreis und einer vereinfachten Distributionsform.

Akzeptanz überprüft
Um die Akzeptanz und Nutzungsbereitschaft der Logistics Mall bei Anbietern und Anwendern zu evaluieren, hat das Fraunhofer IML den Einsatz von Cloud-Computing im Logistiksektor untersucht und die Ergebnisse in der Marktanalyse «Cloud-Computing für Logistik 2» veröffentlicht.
Im Zeitraum von 2012 bis 2013 sind dazu im Rahmen einer umfassenden Marktanalyse 102 Anbieter von Logistik-IT-Lösungen und 70 potenzielle Anwender aus den Bereichen Logistikdienstleistung, Handel und Industrie zu ihrer Meinung und Nutzungsbereitschaft befragt worden. 

Die herausgegebene Studie knüpft an die 2011 veröffentlichte Marktanalyse «Cloud-Computing für Logistik» an und ergänzt beziehungsweise aktualisiert deren Ergebnisse. Die Studie analysiert die Voraussetzungen, unter denen Unternehmen bereit wären, Cloud-Computing-Ansätze für geschäftskritische Logistikanwendungen zu nutzen, und bietet einen Überblick über die derzeitige Situation sowie Orientierung für das weitere Vorgehen im Forschungs- und Entwicklungsbereich für logistische Cloud-Applikationen.

Kernergebnisse der Marktanalyse
Cloud-Computing kommt mittlerweile in zahlreichen Branchen zum Einsatz. Neben der zunehmenden Praxiserfahrung ist auch das allgemeine Wissen über die Technologie gewachsen: Die meisten Entscheider haben sich inzwischen mit der Cloud auseinandergesetzt, sich eine Meinung gebildet und Stellung bezogen.
In der Mehrzahl aller Fälle fiel die Entscheidung positiv aus: Während 56 Prozent der Anwender bereit sind, Logistiksoftware zu nutzen, die auf Servern im Internet läuft (13 Prozent tun dies bereits), können sich 67 Prozent der Anbieter vorstellen, eigene Lösungen in einer Cloud-Architektur zu betreiben (28 Prozent bieten bereits eine oder mehrere Cloud-fähige IT-Lösungen an, weitere 10 Prozent arbeiten daran – insgesamt sind bislang 20 Prozent der auf dem Markt verfügbaren Logistik-IT-Lösungen Cloud-fähig, 25 Prozent werden momentan auf die Ausführung in der Wolke vorbereitet). Da die Mehrheit der Anbieter (82 Prozent) davon ausgeht, dass die Umsätze mit Logistiksoftware in den kommenden vier Jahren steigen werden, ist davon auszugehen, dass auch der Markt für logistische Cloud-Applikationen in Zukunft deutlich wachsen wird.

Die grosse Nutzungsbereitschaft ist unter anderem auf den Innovationshunger der Unternehmen zurückzuführen: Während auf Anwenderseite laut eigenen Angaben 49 Prozent ungeachtet der Risiken aktiv nach neuen Technologien suchen, scheuen 59 Prozent der Anbieter keine Kosten, um ihrer Konkurrenz voraus zu sein.
Die grössten Bedenken sowohl auf Anwender- als auch auf Anbieterseite gelten nach wie vor der Performance und dem Datenschutz: Auf Anwenderseite zeigten sich – im Gegensatz zu den vergleichsweise moderaten 18 Prozent der Anbieter – 63 Prozent der Befragten hinsichtlich der Sicherheit ihrer Daten in der Cloud besorgt. Offensichtlich verunsichern die zahlreichen Enthüllungen über die Aktionen ausländischer Spionage- und Geheimdienste die Softwareanwender. So lässt sich auch der geringfügige Rückgang in der Bereitschaft zur Cloud-Nutzung im Laufe der letzten zwei Jahre erklären.

Gegen unkontrolliertes Ausspähen privater Daten
Dass die Betreiber bereits auf die Situation reagieren und mit verschiedenen Ansätzen gegen das unkontrollierte Ausspähen privater Daten vorgehen – beispielsweise mit EWR-/EU-Clouds, die den europäischen Datenschutzrichtlinien entsprechen, internationalen Sicherheitsstandards (ISO/IEC 27001) und Schutzmassnahmen (Firewalls; Honeypots; verschlüsselte Tunneltechnologien wie IPSec, TLS/SSL oder SSH; einheitliche Sicherheitsberichte; IDS usw.) sowie Anpassungen der rechtlichen Rahmenbedingungen – wird vielerorts noch nicht realisiert beziehungsweise entsprechend gewürdigt.
Weitere von Anwendern geäusserte Bedenken hinsichtlich des Logistics-Mall-Konzeptes galten dem möglichen Ausfall des Servers (27 Prozent), der grossen Komplexität, die den eigenen Prozessen nicht gerecht wird (23 Prozent) sowie der problematischen Anbindung an bestehende Systeme (20 Prozent). Weniger relevant waren laut den Anwendern die Punkte Insolvenz des Anbieters (14 Prozent), Förderung von Dumpingpreisen (7 Prozent) sowie Kartellbildung (6 Prozent) und fehlende Abgrenzung von Wettbewerbern (4 Prozent). Anbieter fürchten neben der mangelhaften Datensicherheit vor allem die fehlende Akzeptanz der Kunden (16 Prozent) sowie den erhöhten Wettbewerbsdruck (10 Prozent) und mögliche Schnittstellenprobleme (10 Prozent). Mit jeweils unter 10 Prozent wurden noch Bedenken hinsichtlich der eingeschränkten Kundenberatung, der Komplexität, der Performance und der mangelhaften Umsetzung von Individuallösungen genannt.

Logistics Mall stösst auf grosses Interesse
Der generelle Akzeptanzgrad der Logistics Mall ist dennoch nach wie vor ungebrochen hoch: Das Konzept wurde von 80 Prozent der Anwender und 71 Prozent der Anbieter positiv bewertet. Auf Anwenderseite können sich 63   Prozent vorstellen die Plattform zu nutzen, von den Anbietern sind es 58 Prozent. Ausserdem gehen 67 Prozent der Anbieter davon aus, dass ihre Kunden Produkte oder Dienstleistungen über die Logistics Mall erwerben und in einer Cloud-Architektur ausführen würden.
Zusätzlich hat die Flexibilität der Anbieter in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen: Während 2011 nur 39 Prozent der Softwareentwickler bereit waren, den First-Level-Support für ihre IT-Lösungen dem Betreiber der Logistics Mall zu überlassen, konnten sich 2013 schon 56 Prozent ein solches Modell vorstellen. Das Vertrauen in die Kompetenz der Betreiber sowie die Bereitschaft, bislang unorthodoxe Vertriebswege zu nutzen, hat zugenommen.
Als Hauptvorteil des Konzeptes identifizierten 30 Prozent der Anbieter die Erschliessung neuer Kundengruppen. An zweiter und dritter Stelle folgten die durch Standardisierung mögliche schnelle Anpassung an Kundenwünsche (14 Prozent) sowie Marketing- und Vertriebsunterstützung (12 Prozent). Im Folgenden wurde unter anderem noch mit jeweils unter 10 Prozent auf den sinkenden Aufwand und Kosteneinsparungen sowie Transparenz und Synergieeffekte verwiesen.
Da die Logistics Mall sowohl Kaufhaus als auch Exekutivinstanz ist, müssen interessierte Softwareanbieter bereit sein, ihre Lösungen a) über einen externen E-Shop anzubieten und b) in einer Cloud-Architektur ausführen zu lassen. Die Zustimmung der Anbieter zu den jeweiligen Punkten fällt unterschiedlich aus: Während sich knapp die Hälfte (49 Prozent) der befragten Unternehmen vorstellen kann, eigene Software indirekt über ein nichtfirmeneigenes Portal zu vertreiben, können sich zwei Drittel der Anbieter vorstellen, ihre Lösungen in einer Cloud-Architektur zu betreiben. 10 Prozent der Softwarehersteller sind noch einen Schritt weiter und befinden sich bereits in der konkreten Planung Cloud-fähiger IT-Applikationen.

KMU für mehr Zusammenarbeit
Beim Vergleich von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mit Grossunternehmen ergeben sich divergierende Zahlen: Grossunternehmen sind offenbar seltener bereit als KMU, ihre Lösungen auch in anderen als den hauseigenen E-Shops anzubieten. Während sich lediglich 25   Prozent der Grossunternehmen ein solches Vorgehen vorstellen können, ist es für 38 Prozent der kleinen Unternehmen denkbar. Bei mittleren Unternehmen kann sich sogar jeder zweite Proband vorstellen, seine Produkte über einen externen E-Shop zu vertreiben.
Ähnliches gilt für den Betrieb der Lösungen innerhalb einer Cloud-Architektur – allerdings weniger stark ausgeprägt: Hier sind es auf Seiten der Grossunternehmen 50 Prozent, bei Unternehmen mittlerer Grösse 64 Prozent und bei kleinen Unternehmen 58 Prozent.
Auf die Frage nach der Bereitschaft, das eigene System zu modularisieren, um einzelne Softwareelemente gezielt auswählbar und mit Sekundärlösungen kompatibel zu machen, antworteten 70 Prozent der Anbieter mit «Ja».

Erfolgsfaktoren des Cloud-Computings
Entscheidend für die Nutzung einer Plattform wie der Logistics Mall sind laut Anwenderaussagen vor allem eine sichere Verschlüsselung der Datenübertragung (durchschnittliche Relevanz: 1,5 – gemessen auf einer Notenskala von 1  =  sehr wichtig bis 6  =  unwichtig) sowie ein schneller und flüssiger Programmablauf (1,6). Als weitere wichtige Aspekte wurden die Ermöglichung des Zugangs zu hochwertiger Software, die sonst nicht bezahlbar wäre, und der Kundensupport (beide 2,2) genannt. Geringere Wichtigkeit erhielten die Faktoren 24-Stunden-Verfügbarkeit (2,6) und kürzere Installationszeiten (2,8). 70 Prozent der Anwender würden die Logistics Mall primär für Transportleistungen in Anspruch nehmen. Knapp die Hälfte kann sich darüber hinaus vorstellen, die Logistics Mall für Lagerleistungen zu nutzen.
Bei der Frage nach den Erfolgsfaktoren aus Anbietersicht wurden verschiedene Leistungen, die der Betreiber für den Anbieter übernehmen könnte, einzeln nach ihrer Wichtigkeit bewertet. Demnach ist ein kostenloser Testzugang zur Logistics Mall für die Anbieter von besonders grosser Bedeutung. Dieser Aspekt wurde sowohl 2011 als auch 2013 (jeweils mit einer durchschnittlichen Relevanz von 1,8) als wichtigstes Merkmal gewertet. Während die IaaS-Komponente vor zwei Jahren noch als sehr wichtig eingestuft wurde, sind es 2013 die Marketing- und Usability-Komponenten, wie Möglichkeiten der gezielten Werbung oder ein eigener CMS-Bereich mit CRM-Funktionen zum Monitoring der Kundenaktionen, denen die grösste Relevanz attestiert wird. Deutlich wichtiger als 2011 ist jetzt die Übernahme des Abrechnungsvorgangs durch den Betreiber.
Hinsichtlich der Abrechnungsmodelle haben sich die Präferenzen der Anwender seit 2011 nicht bedeutend geändert: 12 Prozent der Befragten würden sich für ein festes Leistungspaket entscheiden, das sofort bezahlt werden muss (2011 waren es 11 Prozent). Für weitere 24 Prozent (entspricht 2011) käme am ehesten eine Flatrate in Betracht, mit der sie regelmässig einen festen Betrag für gleichbleibende Leistungen bezahlen. 37  Prozent (2011: 35   Prozent) würden am liebsten einen flexiblen Funktionsumfang in Anspruch nehmen, der anschliessend entsprechend abgerechnet wird. Die verbleibenden 27 Prozent (2011: 30   Prozent) könnten sich am ehesten vorstellen, Applikationen zu nutzen, deren Transaktionen fortlaufend erfasst und gebündelt abgerechnet werden.

Fazit und Ausblick
Die Cloud kommt – daran besteht kein Zweifel mehr. Keine andere Technologie hat in den vergangenen Jahren vergleichbaren Einfluss auf die Entwicklung und Ausrichtung der internationalen IT-Branche ausgeübt wie das Rechnen in der Wolke. Auch in Zukunft wird eine neue, sicherere Form des Cloud-Computings viele Branchen begleiten und verändern, denn die Summe der Vorteile überwiegt. Die grosse Zustimmung zu Konzepten wie dem der Logistics Mall bezeugt, dass auch aktuelle Sicherheitsbedenken den Vormarsch der Technologie nicht mehr aufhalten können – zu vielversprechend sind die Möglichkeiten und zu verlockend die Einsparungspotenziale. Viele Branchen haben sich bereits festgelegt und setzen kompromisslos auf die Cloud.
Kaum eine andere Branche scheint dabei für den Einsatz von Cloud-Computing geeigneter zu sein als die Logistik: Die stark schwankenden Anforderungen erfordern eine kontinuierliche Anpassung der bereitstehenden Ressourcen. Bislang auf Spitzenlast ausgelegte Systeme standen einen Grossteil der Zeit ungenutzt zur Verfügung und kamen nur gelegentlich in den Genuss, ihre Kapazitäten voll ausschöpfen zu können. Die Cloud macht aus der Not eine Tugend und verteilt vorhandene Ressourcen bedarfsgerecht an verschiedene Nutzer.
Natürlich müssen die vorhandenen Bedenken weiterhin gewürdigt und mit neuen Lösungen und (Sicherheits-)Konzepten ausgeräumt werden. Aus diesem Grund hat das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, IML, im August 2011 die Usergroup «Cloud-Computing für Logistik» ins Leben gerufen. Gemeinsam mit den Mitgliedern – namhaften Unternehmen aus den Bereichen Logistik und IT – werden aktuelle Themen diskutiert, offene Fragen geklärt und innovative Konzepte entwickelt, um die Cloud effizienter, transparenter und sicherer zu machen. Sobald die Bedenken potenzieller Cloud-Nutzer mit entsprechenden Gegenmassnahmen ausgeräumt worden sind, steht dem umfassenden Einsatz der Technologie – auch und besonders im Logistiksektor – nichts mehr im Weg.


Dipl-Inform. Oliver Wolf leitet die Abteilung Software Engineering am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, IML, und ist für den Fraunhofer-Innovations-Cluster «Cloud-Computing für Logistik» verantwortlich.


Dipl.-Oec. Maren-Bianca Wolf leitet das Marketing der Abteilung Intralogistik und -IT Planung am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, IML.


Jonas Rahn arbeitet am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, IML, in der Abteilung Intralogistik und -IT Planung.


Funktionsweise der Logistics Mall.


Bereitschaft der Anbieter zur Modularisierung ihres Systems.


Akzeptanz des Vertriebs über einen externen E-Shop.


Akzeptanz des Betriebs in einer Cloud-Architektur.


Zustimmung zu Logis­tics-Mall-Grundgedanken nach Grösse.


Akzeptanz von Cloud-Computing bei
Anwendern.


Als Buch verfügbar:
Die vollständige Marktanalyse «Cloud-Computing für Logistik 2» des Fraunhofer IML erhalten Sie ab sofort im Fraunhofer-Bookshop:
www.verlag.fraunhofer.de/bookshop.

Kontakt

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